Reiseeindrücke aus Moskau März bis Mai 1923

Anläßlich der ärztlichen Behandlung von Lenin

Von Prof Dr. med. Oswald Bumke,
niedergeschrieben in einem Brief an seinen Bruder Siegfried Bumke

Bei dem folgenden Bericht kann es sich naturgemäß nicht um eine irgendwie erschöpfende Darstellung der russischen oder auch nur der Moskauer Verhältnisse handeln. Zu einer solchen Darstellung hätten mir alle Voraussetzungen gefehlt: die Kenntnisse Rußlands und Moskaus vor der Revolution, ja ganz allgemein das historische Wissen, um die gegenwärtigen Moskauer Zustände aus ihren geschichtlichen Bedingungen abzuleiten und in einem großen Rahmen einzuordnen, dazu die politische Einstellung, um Personen und Sachen an den richtigen Maßstäben zu messen, und schließlich sogar die Kenntnis der russischen Sprache.
Wenn es mir trotzdem möglich gewesen ist, wenigstens einige in Deutschland offenbar sonst nicht bekannte Tatsachen festzustellen, so lag es wohl an der besonders günstigen Lage, in der ich mich in Moskau befand.
Ich war an Lenins Krankenlager gerufen und lebte über sechs Wochen dort. Inzwischen war ich Gast der kommunistischen Regierung und verfügte als solcher über jede denkbare Bewegungsfreiheit. Ich konnte mich im Auto und zu Fuß, in Begleitung eines Kuriers, eines Dolmetschers oder allein durch Moskau bewegen und ich durfte mit jedem verkehren, ohne daß man mich daran hätte hindern können. Ich hatte bei vielen ärztlichen Konsultationen, insbesondere im geschlossenen Auto, Gelegenheit zu offenen und ‚ was im heutigen Moskau gewiß nicht häufig ist, von Spitzeln sicher nicht beobachteten Aussprachen.
Auf der anderen Seite brachte mich meine Tätigkeit in unmittelbare Berührung mit den wichtigsten Führern der kommunistischen Regierung. Ich hatte also die Möglichkeit, sie persönlich kennen zu lernen, aber zugleich auch die, über die Schwierigkeiten und Absichten, sowie über die Strömungen und Gegenströmungen in dieser Regierung sehr viel mehr zu erfahren oder wenigstens zu erschließen, als es sonst wohl den Außenstehenden vergönnt sein kann.
Wir Ärzte, und vornehmlich wir deutschen Ärzte, an die sich in heiklen Situationen das Vertrauen der Russen alleine richtete, waren etwa in der Lage eines Hausarztes, der den
Seniorchef eines in nicht einfacher Lage befindlichen großen Handelshauses behandelt, dem man bei der Erörterung der Heilungsmöglichkeiten, der voraussichtlichen Lebensdauer, der Arbeits- und der Verfügungsfähigkeit des Kranken gelegentlich auch Mitteilungen über die persönlichen Eigenschaften der übrigen Geschäftsteilhaber, des etwaigen Nachfolgers usw. sowie über die Lage des Geschäftes selbst machen muß. Das soll natürlich nicht heißen, daß sich die Urteile, die ich in dieser Hinsicht über Moskau abgeben werde, auf klar formulierte Erklärungen dieser oder jener Persönlichkeiten zu stützen vermöchten. Diese Urteile sind rein subjektiver Natur und beruhen auf der Gesamtheit der von mir erhaltenen Eindrücke.
Was den Wert dieser Eindrücke vielleicht erhöhen könnte, ist lediglich der Umstand, daß sie von einem Mann gewonnen worden sind, der durch Anlage und Beruf schon lange dazu gelangt war, Dinge und Menschen unter naturwissenschaftlichen und psychologischen Gesichtspunkten zu sehen, die man sonst wohl meist in eine moralische Beleuchtung bringt.
Die Frage, die mir nach meiner Rückkehr in Deutschland am häufigsten gestellt worden ist, war die nach Ruhe und Ordnung in Moskau. Diese Frage ließ sich sehr einfach beantworten. Münchner Zeitungen schrieben gerade damals von Fremdenpogromen, und andere wußten von Hungerkrawallen zu berichten. Beides beruhte auf freier Erfindung. In Moskau herrschte vollkommene Ruhe und Ordnung. Daß die Ruhe zum Teil die Ruhe des Kirchhofes gewesen ist, wird sich aus manchem ergeben, was ich nachher ausführen möchte.
Aber es herrschte außer der Ruhe auch Ordnung. Ich habe keinen Streit und keine Verkehrsstörung auf der Straße, und ich habe in sechs Wochen zwar sehr viele Bettler, aber nur einen einzigen Betrunkenen gesehen. Was aber bei den damaligen Zuständen in Deutschland und bei der bitteren Armut in Moskau selbst am meisten verblüffte, war, daß es offenbar auch wenig Diebstähle gab. Überall in der großen, durch keinen Pförtner beaufsichtigten Vorhalle eines jeden Universitätsinstitutes z.B. konnte man seinen Pelz aufhängen und sogar eine Geldtasche in ihm stecken lassen, ohne bestohlen zu werden. Die Erklärung war sehr einfach. In Rußland ist die Todesstrafe zwar auf dem Papier den Grundsätzen der kommunistischen Partei zum Opfer gefallen, praktisch aber hat man sie “als jeweilige Maßnahme“ wieder in Kraft gesetzt mit dem Ergebnis, daß zahlreiche Vergehen mit sofortiger Hinrichtung bestraft wurden, die damals bei uns häufig keine Sühne finden, und die man sonst gewöhnlich mit kurzen Gefängnisstrafen bedenkt. Wer stahl, wurde erschossen, wer beim Schieben getroffen wurde, desgleichen.
Als mir eines Tages im Salon vor der Direktionsloge des Theaters meine Handschuhe aus dem Pelz doch fortgenommen waren, beschwor mich Prof. Förster, mein deutscher Kollege, um Gottes Willen nichts zu sagen, weil es dem Portier dieser Loge, der sicher unschuldig war, das Leben hätte kosten können.
Wie häufig diese Hinrichtungen waren, ging aus dem Erlebnis eines russischen Kollegen hervor. Dieser nahm einen jungen Menschen in seinem Krankenhaus auf und stellte ihm die übliche Frage nach seinem Beruf Antwort: Staatsangestellter. Ja, was für einer? Antwort:
Technischer Beamter. Was haben Sie denn zu tun? Ich erschieße Leute.
Daß diese drakonische Strenge doch nur begrenzte Wirkungen hatte, ergab sich bei längerem Zusehen freilich deutlich. Im Hof des großen Moskauer Warenhauses “Gum“, das jetzt als Staatseinrichtung betrieben wird, konnte man täglich eine Menge von schwarzbärtigen und in schwarzen Kaftan gehüllten Gestalten in einer Weise miteinander verhandeln sehen, daß mir über die Bedeutung dieser Versammlung als schwarze Börse kein Zweifel blieb.
Ich habe eines Tages ein junges, in Deutschland wissenschaftlich gebildetes Mitglied der russischen Regierung, das mit großem Eifer und sicherlich mit innerer Überzeugung die Grundsätze der kommunistischen Partei vor mir verfocht, nach dieser schwarzen Börse gefragt. Die Antwort war ein Achselzucken: “Wir haben alle deutschen Wuchergesetze abgeschrieben und sie haben hier alle genau so versagt wie in Deutschland. Ab und zu wird ein Exempel statuiert, aber im Ganzen werden wir diese Dinge laufen lassen müssen, bis sich die Verhältnisse bei uns konsolidiert haben werden.“ Das war überhaupt ein den Russen sehr geläufiger Trost.“ Wir stehen noch so sehr am Anfang, sind noch mitten in der Revolution, der Erfolg wird erst kommen.“, das habe ich immer wieder gehört. Einstweilen waren die Wirkungen dieses Widerspruches zwischen kommunistischer Doktrin und Praxis sehr wunderliche.
Auch die Leute, die Geld hatten, lebten und kleideten sich wie die allerärmsten, gewissermaßen um keinerlei Aufsehen zu erregen, damit sie die Steuerbehörde nicht herausfinden sollte. Es gab keine Selbsteinschätzung, aber ebenso wenig ein objektives Maß für die Besteuerung; die setzten die Beamten einfach nach ihren subjektiven Eindrücken fest. Wer Aufwand trieb, wurde empfindlich geschröpft, und wer gegen den Bescheid der Steuerbehörde demonstrierte, hatte statt 7 Milliarden 15 Milliarden im Monat zu zahlen.
Es haben während meines Aufenthaltes mehrere Geschäfte zugemacht, weil ihr Handel die Steuerlast nicht einzubringen vermochte. Auf der anderen Seite war aber auch das nicht schwer zu sehen, daß der Staat hinten und vorne betrogen wurde. Beschäftigte Ärzte, die wie die ärmsten Proletarier gekleidet waren, und die sich vielleicht sogar als überzeugte Kommunisten gaben, zogen dann gelegentlich kleine Platingegenstände von hohem Wert aus der Tasche, in denen sie ihr Vermögen angelegt hatten. Als der Tenor Sobinow unter großem Gedränge sein 25jähriges Jubiläum an der Staatsoper feierte – wobei er, nebenbei bemerkt, einen Orden und einen Titel “Staatsartist“ erhielt, da war auf einmal das Bild im Zuschauerraum vollkommen verändert. Man sah die herrlichsten Roben, Juwelen und Pelze. Es schien, als ob man an diesem Abend mit der Nachsicht der Steuerbehörde hätte rechnen dürfen.
Daß gut situierte Leute aber die verschwindende Minderheit bildeten, darüber konnte bei längerem Aufenthalt doch kein Zweifel bestehen. Im Ganzen herrschte eine Armut, wie wir sie doch wohl erst im Winter 23/24 kennengelernt haben. Nicht in Bezug auf die Verpflegung. In dieser Hinsicht stellt der Russe offenbar Ansprüche an das Leben, die wir selbst im Frieden nicht gekannt haben, und wenn er über ungenügende oder schlechte Verpflegung klagt, so werden wir unsere Maßstäbe nicht anlegen dürfen.
Während meines Aufenthaltes wurde andererseits auch geradezu geklagt, daß die Lebensmittelpreise derart zurückgingen, daß man eine Einstellung der Produktion durch die Bauern befürchten müsse. Aber, abgesehen von der Verpflegung, herrschte bitterste Armut. Kleider waren so teuer, daß Menschen, denen es gelang, die Erlaubnis zu einer vorübergehenden Reise nach Westeuropa zu erlangen, sich dort mit möglichst zahlreichen Kleidern versahen, nicht um sie zu tragen, sondern um sie in Moskau zu Gelde zu machen. Wäsche war offenbar besonders kostbar, und ein gestärktes Hemd oder nur ein Kragen fiel als Luxus ohne weiteres auf. Ein Besuch in den Warenhäusern zeigte den Grund dieser Armut. Man konnte damals in Moskau nur in zwei Gruppen von Gegenständen gut einkaufen. Die eine betraf Pelze, die andere die Waren der Althändler. Hier sah man die Reste des ehemaligen Reichtums, soweit sie nicht schon ins Ausland verschoben worden waren, aufgespeichert und man hätte sie zu Spottpreisen kaufen können. Gebrauchsgegenstände, wie sie sonst die lebende Industrie herstellt, waren dagegen schwer oder gar nicht zu haben,- aus dem einfachen Grund, weil die Industrie zusammengeschlagen und noch nicht wieder aufgebaut worden war. Am bedrückendsten war in Moskau, außer der politischen Lage, wohl die Wohnungsnot. Lenin verfügte einschließlich seines amtlichen Empfangszimmers über vier Räume.
Das Äußerste, was ich sonst gesehen habe, waren drei. Ich habe aber mehrere beschäftigte Spezial-Ärzte kennengelernt, die für ihre Familie von z.T. fünf Köpfen und die Praxis zusammen nur zwei Zimmer behalten hatten. Diese Wohnungsnot war nicht, wie man gewöhnlich glaubt, die Folge der Straßenkämpfe und der Beschießung der Häuser zur Zeit der Revolution. Gewiß sah man hie und da ein zusammengeschossenes Gebäude. Zahlreich waren schon die, die etwa durch den Bruch eines Wasserrohrs unbrauchbar geworden waren und die herzustellen niemand das Geld gehabt hatte. Man konnte jetzt Häuser auf lange Zeit zu seinem alleinigen Nutzen erhalten, wenn man sich verpflichtete, sie instand zu setzen. Im
Wesentlichen beruhte die Wohnungsnot darauf, daß die ganze Regierung, die Militär- und Marineverwaltung, daß sämtlich offiziellen und nicht offiziellen auswärtigen Vertretungen von Petersburg nach Moskau übergesiedelt waren. Für alle diese Zwecke hatte man eine große Anzahl von Häusern und Villen beschlagnahmt, und in das, was übrig blieb, mußte sich die Bevölkerung teilen. Die Bevölkerungszahl war aber auf das dreifache gestiegen, während Petersburg in demselben Zeitraum ziemlich ausgestorben sein soll. So müssen jetzt sehr oft zahlreiche Parteien in einer Wohnung zusammen hausen, was unter dem ausgebreiteten Spitzelwesen des Sowjetregimes sehr viel schlimmer ist, als wir es uns selbst in Zeiten der bösesten Wohnungsnot haben vorstellen können.
Der Verkehr war, nachdem er fast ein Jahr lang ganz geruht hatte, in bescheidenen Grenzen wiederhergestellt worden. Es fuhren Trambahnlinien, es gab (nicht sehr zahlreiche) Autos - die meisten, die fuhren, gehörten der Regierung- und recht viele sehr kümmerliche und schmutzige Droschgen. Der Zustand der Straßen war damals, in der Zeit der Schneeschmelze nach deutschen Begriffen ungeheuerlich schlecht. Mir ist aber gesagt worden, früher sei es nicht anders gewesen, und die in Moskau während eines Winters angehäuften Schneemassen fortzuschaufeln, sei vollkommen unmöglich, sodaß man das von jeher der Sonne überlassen hätte.
Als ich in Moskau war, war der Abbau des kommunistischen Prinzips schon ziemlich weit fortgeschritten. Es gab wohl, soviel ich weiß, ein Einheitsgehalt, aber die einzelnen Beamten bekamen Prämien, die je nach ihrer Leistung und ihrer Stellung abgestuft waren, sodaß in Wirklichkeit große Unterschiede in der Besoldung bestanden. Die Primaballerina sollte z.B. für jedes Auftreten 3 1/2 Milliarden bekommen, was immerhin 35 bis 40 Dollar ausmachte, - die Statisten haben sicherlich weniger erhalten.
Die Ärzte waren nach der Revolution zunächst verstaatlicht worden. Da aber der Staat kein Geld hatte, um sie zu bezahlen, hatte man ihnen die Privatpraxis wieder erlaubt, und ich habe in Moskau sehr beschäftigte und sehr gut situierte praktische Ärzte und Spezialisten kennen gelernt, die wir Deutschen mit Fug beneiden könnten. Der Handel war innerhalb Rußlands frei, und auch der Besitz war bis zu einem gewissen Grade wieder gestattet. Man konnte bis zu 10 000 Goldrubel, d. h. also bis zu 25 000 Goldmark vererben, man konnte in einer Staatslotterie sogar bis zu 10 000 Goldrubel, d. h. also bis zu 25 000 Goldmark gewinnen und diese Lotterie wurde so eifrig propagiert, daß z.B. ein kleines Vergehen, wie das Offenlassen der Haustüre, außer durch eine Strafe auch durch den Bezug eines Loses gesühnt werden konnte. Einem Künstler war gerade damals vom Staat ein Rittergut als erbliches Lehen geschenkt worden, und daß man sich ein Landhaus kaufen konnte, war schon eine vollkommen geläufige Sache. Auf dem Handel ruhten allerdings zwei Lasten. Die eine war die, wie gesagt, ganz willkürliche und zum Teil ungeheuerliche Besteuerung, die andere aber, die noch viel stärker hemmte, lag in der Sorge, daß nach Lenins Tod die neue ökonomische Politik wieder abgeschafft und der ganze Handelsbesitz wieder eingezogen werden könne. Von irgendeiner Rechtssicherheit in dieser Hinsicht war offenbar gar keine Rede.
Im Großen und Ganzen angenehm überrascht bin ich in Moskau - immer wieder muß betont werden, daß ich nur von Moskau, nicht aber von ganz Rußland reden kann - durch die kulturellen Verhältnisse gewesen. Es gab drei Universitäten, von denen die dritte wohl mehr unseren Volkshochschulen entsprach und mit einer deutschen Universitas litterarum nicht verglichen werden kann. Von den beiden anderen war früher die eine für männliche, die andere für weibliche Studierende bestimmt gewesen, ein Unterschied, der jetzt offiziell fallen gelassen worden ist, in dem Besuch medizinischer Vorlesungen aber immer noch deutlich zum Ausdruck kam. An diesen beiden Universitäten war die juristische Fakultät abgeschafft worden. Nur einige wenige Fächer hatten sich in die nationalökonomische Fakultät gerettet. In dieser durften wohl nur marxistische Grundsätze vertreten werden.
Der Besuch der medizinischen Vorlesungen war glänzend, und zwar nicht bloß dann, wenn man deutsche Besucher erwarten konnte, sondern offenbar ganz regelmäßig. Die Zusammensetzung der Hörerschaft soll aber recht ungleichmäßig gewesen sein. Außer von solchen Hörern, die noch eine gute Mittelschule besucht hatten, ist mir auch von anderen erzählt worden, deren einzige Qualifikation in ihrer Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei oder aber in ihren Beziehungen zu einem hervorragenden Kommunisten gelegen war.
Umso eigentümlicher war, daß in Kliniken, in denen ich als Gast erschien, die Vorlesungen ohne weiteres und ohne Vorbereitung in deutscher Sprache gehalten wurden, und daß die
überwiegende Mehrheit der Hörer durchaus den Eindruck machte, als ob sie dem Vortrag folgen konnte. Denselben Eindruck habe ich bei meinen eigenen Vorträgen gewonnen.
Die medizinischen Institute befanden sich in einer Notlage, die etwa der entsprach, die wir selbst während der Inflation und unmittelbar nach ihrer Beseitigung durchgemacht hatten. Immerhin habe ich durchaus den Eindruck gehabt, daß die Regierung wissenschaftlichen und medizinischen und naturwissenschaftlichen Bestrebungen sehr wohlwollend gegenübersteht und sie in jeder Weise unterstützte. Auch den Professoren ging es damals nicht mehr schlecht, sie waren materiell offenbar ganz erträglich gestellt, wurden nicht mehr durch Haussuchungen heimgesucht und auch sonst politisch nicht verfolgt - wenn sie nur von der bei ihnen stillschweigend wohl immer vorausgesetzten oppositionellen Gesinnung praktisch keinen Gebrauch machten. Geschah das doch, so wurde nach alten russischen Rezepten schnell zugegriffen. Ich habe mich selbst - mit Erfolg - für einen engeren Kollegen verwandt, der bei der Demonstration eines Henkers in seiner Vorlesung an diesen die unvorsichtige Frage gestellt hatte, ob es ihm denn nicht besonders Freude gemacht habe, Bourgeoise hinzurichten. Das Ergebnis war, daß sich der Professor am nächsten Morgen auf der Fahrt nach Sibirien befand, und daß in den nächsten drei Tagen alle Besucher seiner Wohnung von der Tscheka zunächst einmal festgesetzt wurden.
Nun, hier hat es sich um eine im heutigen (wie im alten) Rußland schwer begreifliche Unvorsichtigkeit gehandelt. Schlimmer war schon, daß die Partei auch in der wissenschaftlichen Lehre dauernd hineinzureden versuchte. Mir ist das besonders deutlich geworden anläßlich eines Vortrags, den ich in der Psychologischen Gesellschaft im Psychologischen Institut gehalten habe. Mein Thema lautete “Über die materiellen Grundlagen der Bewußtseinserscheinungen“, und ich nahm gegen gewisse mechanistische Auffassungen der Assoziationslehre Stellung. Der Vortrag wurde sofort vom Vorsitzenden, Professor Tschelpanow, ins russische übersetzt, dieser hat dabei einleitend mit Nachdruck betont, daß selbstverständlich auch Professor Bumke der Meinung wäre, daß das Gehirn etwas mit dem Bewußtsein zu tun hätte. Ohne diese Verwahrung wäre die Übersetzung ins russische wahrscheinlich nicht unbedenklich gewesen.
In den langen, im wesentlichen deutsch geführten Diskussionen wurde nämlich immer wieder betont, nach der in Moskau zur Zeit herrschenden “Ideologie“ - man konnte das immerhin sagen! - dürfe man es als etwas besonderes begrüßen, daß ein Forscher wieder einmal ganz offen von dem Bewußtsein gesprochen und die seelischen Erscheinungen aus ihren eigenen
Voraussetzungen abzuleiten versucht hätte. Mein Gesamteindruck war der, daß die offizielle Lehre in Rußland das Bewußtsein am liebsten ganz abgeschafft hätte, und daß diese Lehre im Ganzen eine, wenn möglich, noch plattere Neuauflage jenes Materialismus darstellte, die in Deutschland vor Jahren Haeckel in seinen Welträtseln vertreten und kompromittiert hat.
Dem entsprach - damit komme ich zum traurigsten Teil meines Berichtes - die Stellung der Sowjetregierung zur christlichen Kirche. Diese Kirche besitzt auf dem Papier Freiheit; in der Tat sind, außer auf dem Kreml ‚ die Kirchen geöffnet, die Geistlichen lesen ihre Messe, Andächtige beten. Auf der anderen Seite aber geschieht alles, um im Volke jenes religiöse Bewußtsein auszurotten und durch eine rein materialistische Weltauffassung zu ersetzen. Die Kinder erhalten nicht nur keinen Religionsunterricht, sondern werden, wenn sie bei irgendeiner religiösen Tätigkeit betroffen werden, darüber aufgeklärt, daß die Religion dazu gedient habe, das Volk zu verdummen und zu versklaven usw.. Es werden Prozessionen veranstaltet, die die Prozessionen der Kirche lächerlich machen sollen, die Muttergottes und Christus werden öffentlich in der unflätigsten Weise beschimpft und besudelt und kirchliche Handlungen werden, wie ich selbst erlebt habe, gelegentlich in der gröbsten Weise gestört.
Ich hatte den Wunsch geäußert, eine Ostermesse in Moskau mitzumachen. Mir war gesagt worden, daß die erhabenste Feier (nicht mehr, wie früher, in den Kremlkirchen) sondern in der Erlöserkirche und zwar in der Osternacht um 12 Uhr stattfinde. Darauf bat ich mir zu dieser Stunde ein Auto und einen Begleiter aus. Während sonst jeder Wunsch wortlos erfüllt worden ist, und Begleiter, die als Dolmetscher oder als Fremdenführer und dergleichen dienten, jederzeit gestellt wurden, erhielt ich diesmal die Antwort: “In der kommunistischen Regierung gebe es keine Christen.“ Ich ließ zurücksagen, das interessiere mich nicht, aber ich wünschte mit einem Begleiter die Christmesse in der Erlöserkirche zu hören. In der Tat bin ich dann pünktlich von einem der Angestellten des Auswärtigen Amtes im Auto abgeholt worden, und die beiden anderen deutschen Ärzte, die damals noch in Moskau waren, haben uns begleitet. Auf dem großen Platz vor der Erlöserkirche fanden wir eine riesen Menschenmenge und einen ungeheuren Lärm und Tumult.
Es explodierten Frösche und stiegen Raketen, es ertönten Knarren und Pfeifen, und eine unausgesetzt johlende Masse drängte sich auf dem so gut wie gar nicht beleuchteten Platz. Wir sind - ich muß sagen leichtsinniger Weise - trotzdem in die schon vollkommen überfüllte Kirche hinein gegangen, oder, wie man richtig sagen muß, mit in sie hineingeschwemmt worden. Hier haben wir ein überaus widerwärtiges Schauspiel erlebt, das uns übrigens in seiner Widerwärtigkeit erst nachträglich recht zu Bewußtsein gekommen ist, da wir während des Aufenthaltes in der Kirche vollkommen von dem Eindruck einer sehr dringenden Lebensgefahr erfüllt waren.
In der, wie gesagt, bis an die Grenze der Möglichen mit Menschen erfüllten Kirche fehlte nicht nur jede Ordnung, wie man sie etwa bei üblichen großen Feiern und bei einem ebenso großem Zustrom des Publikums in der Peterskirche in Rom finden kann, sondern diese Ordnung wurde, wie sich bald herausstellte, absichtlich in der rohesten Weise gestört. Immer neue Massen junger Burschen drängten sich hinein, stießen, rückwärts, nach rechts und links vor, so daß es weder möglich war, irgendwie an einem gesicherten Punkt zu stehen, noch irgendeinem Strom nach außen zu folgen. Jeder brauchte seine Ellbogen, und wer nicht kräftig genug war, war in der dringenden Gefahr, einfach totgequetscht zu werden. Ich selbst habe tatsächlich eine durch Monate hindurch fühlbare, sehr unangenehme Rippenquetschung davongetragen. Es ist uns mit großer Mühe und eigentlich nur dadurch, daß einer von uns (Professor M.) groß und sehr breit war, gelungen, uns wieder nach außen zu drängen, wo sich dann herausstellte, daß das Ganze eine beabsichtigte Störung des Gottesdienstes durch kommunistische Horden gewesen war. Von einem Gottesdienst haben wir überhaupt nichts erlebt, Es versuchten wohl einige Geistliche mit Lichtern in der Hand eine Prozession zu veranstalten, sie sind aber sofort von den Eindringlingen zerstreut, oder richtig gesagt, in die Masse hineingedrängt worden.
Übrigens hängt mit dem Kampf gegen die Kirche nach manchem, was wir hörten, offensichtlich auch die Ermordung der Zarenfamilie zusammen. Ein - freilich niederer - Angestellter der kommunistischen Partei hat mir voller Offenheit gesagt: “Die Zarenfamilie mußte beseitigt werden. Nach russischer religiöser Auffassung waren der Zar und seine Familie heilig. Der Bürgerkrieg hätte in Rußland niemals aufhören können, wenn der Zar oder irgend ein Großfürst gelebt hätte. Dem russischem Volk mußte klargemacht werden, daß diese Familie vom Himmel nicht geschützt würde, ehe es für moderne Ideen zugänglich werden konnte“.
Ihre Stellung war also ähnlich wie die der christlichen Missionare, die für heilig gehaltene Bäume fällten, um das Volk zu überzeugen, daß es sich um ganz gewöhnliche Bäume handelte.
Ganz ähnlich sind die Erklärungen, wenn man nach dem Kampf gegen die Kirche fragt:
“Warum habt ihr nicht lieber Christen als Kommunisten in Anspruch genommen?‘, habe ich einem Sowjetführer die Frage gestellt, “als ein so durch und durch religiöses Volk durch diesen Kampf zu verletzen?“ “Sehr einfach,“ hieß die Antwort, “das religiöse Bewußtsein laßt sich in Rußland vom dynastischen Empfinden nicht trennen, der Marxismus aber kann nur auf eine materialistische Weltanschauung aufgebaut werden.“
Während also das Verhältnis der Sowjetregierung zur Religion nicht bloß widerwärtig, sondern auch kulturlos und ungebildet war, und während auch der Zustand der Universitäten zumindest zu wünschen übrig ließ, konnte man von den Theatern und von den Museen wirklich nur einen uneingeschränkt günstigen Eindruck gewinnen. Das Ballett war auf einer Höhe, die in Deutschland wohl niemals und nirgends erreicht gewesen ist, und mit der Oper ließen sich wohl höchstens die besten Münchner und Dresdner Zeiten vergleichen. Hier waren offenbar auch gar keine Mittel gespart. Die Ausstattung auch neuer Stücke war so glänzend, wie sie sich in Deutschland auch in Friedenszeiten wohl nur wenige Bühnen haben leisten können. Eine sehr eigentümliche Erscheinung der Nachrevolution war übrigens das Orchester ohne Dirigenten, das aus den hervorragendsten Künstlern ganz Moskaus bestand, sich nebenbei bemerkt, gegen den ausgesprochenen Widerstand der Staatsoper durchgesetzt und die besten Kräfte des Staatsorchesters mit aufgenommen hatte, und das in der Aufführung wirklich ohne Dirigenten spielte. “Was würden Sie sagen,“ hat mir ein mitwirkender Künstler gesagt, “wenn im Schauspiel der Regisseur auf der Bühne erschiene und Zeichen gäbe.“ Die Wirkung war sehr eigenartig. Eine Präzision, wie sie sonst wohl kaum von einem Orchester erreicht wird, und die hier aus dem angespannten Verantwortungsgefühl jedes Einzelnen entsprang, verband sich mit einer Temperamentlosigkeit, die mindestens beim Hören mehrerer Symphonien unverkennbar war. In einem vorzüglichen Zustande waren auch die Museen. Alle in Westeuropa verbreiteten Gerüchte, daß die berühmte Tretchakow- Galerie durch Verwüstungen und Plünderungen gelitten habe, sind unwahr. Die Galerie ist tadellos erhalten, wird auf das sorgfältigste gepflegt und, was man in Gegensatz zu Deutschen Verhältnissen vielleicht besonders betonen darf außerordentlich fleißig besucht. An Feiertagen ist es fast nicht möglich, hineinzugehen, weil sich ganze Menschenmengen durch die Säle drängen, und an Wochentagen sind die Säle auch recht gefüllt.
Ein neues Museum errichtet die Regierung im Kremel. Hier werden aus ganz Rußland die erlesensten Schätze der Kunst und insbesondere des Kunstgewerbes unter der Leitung der hervorragendsten Spezialisten für jede Abteilung zusammengestellt. Man verschafft sich das Geld dazu, indem man Dubletten und weniger wertvolle Stücke verkauft und man beschlagnahmt im übrigen alles, was wirklichen Kunstwert besitzt.
Außerdem gab es wahrend meines Aufenthaltes in Moskau mehrere moderne Ausstellungen. Die eine umfaßte einige zum Teil sehr schöne Gemälde jüngerer Meister, die im übrigens zum großen Teil schon damals nicht mehr expressionistisch waren. Die andere sollte einen Überblick über das russische Kunstgewerbe geben und überraschte besonders durch das offenbar unmittelbare Gefühl des Russen flur kräftige Farbwirkungen und durch den Mut in Zusammenstellungen dieser Farben, aus denen sich ffir das westeuropäische Empfinden sehr eigenartige Wirkungen ergaben.
In allen Museen wie im Theater fiel übrigens immer wieder die große Anzahl von Kindern unter den Besuchern auf In den staatlichen Theatern sind ihnen die besten Plätze vorbehalten. Durch die Museen werden sie von Lehrern geführt. Man hat mir gesagt, daß bei diesen Gelegenheiten eine energische Propaganda für die kommunistische Idee, verbunden natürlich mit einem kräftigen Kampf gegen das zaristische Regime getrieben werde. Die Kinder und die halbwüchsige Jugend werden systematisch für den neuen russischen Staat erzogen und mit allen Mitteln für ihn zu gewinnen versucht. Darin liegt zweifellos, vom westeuropäischen Standpunkt gesehen, eine sehr große Gefahr für die Zukunft. Mir haben Angehörige des alten Adels gesagt, daß sie den Kampf gegen diese Propaganda als aussichtslos hätten aufgeben müssen. Die jüngste Generation würde sonst den Eltern wie den älteren Geschwistern vollkommen entfremdet, und auf die Dauer wäre es schlechthin unmöglich, einem Kinde jedes Vergnügen, jeden Ausflug, jeden Theaterbesuch und jede Teilnahme an irgendeinem Sportfest deshalb zu versagen, weil die Teilnahme an all diesen Zerstreuungen an die Zugehörigkeit zu irgendeinem kommunistischen Jugendbund geknüpft wäre. Wir werden also damit rechnen müssen, daß sich die jetzt heranwachsende Generation eines Tages ganz anders zum kommunistischen Gedanken und zur Sowjetrepublik stellen wird, als wir es etwa wünschen.
Damit komme ich zu dem, was mich während meines Aufenthaltes in Moskau natürlich mit am meisten interessiert hat, zu dem russischen Menschen. Ich gestehe, daß mir der Russe, wie ihn Tolstoi, Dostojewsky, Puschkin, Gogol geschildert haben, doch erst durch diese persönliche Bekanntschaft verständlich geworden ist. Ich muß hier Anekdoten häufen, um meine eigene Schilderung einigermaßen lebendig und lebenswahr zu gestalten. Wir waren durchschnittlich acht Ärzte, sechs Russen und zwei Deutsche, die täglich bis zu vier Stunden und mehr in Lenins Empfangszimmer beieinander saßen. Wir befanden uns dazu gelegentlich in Situationen, in denen Menschen sich offener geben, und in denen man sich deshalb wirklich kennen lernte. Die russischen Ärzte, mit denen wir zu tun hatten, waren ausgesuchte Leute, zum Teil Universitätsprofessoren, alle ungewöhnlich gut medizinisch gebildet, alle gründliche Untersucher und gute Diagnostiker, manche auch voll glücklicher wissenschaftlicher Ideen. Aber es fehlte ihnen eines, nämlich die Fähigkeit zum Handeln. Ich habe während dieser oft stundenlangen Besprechungen immer wieder das Bild eines russischen Generalstabes vor mir gesehen, der während des Weltkrieges anläßlich irgendeiner bedrohlichen Situation in stundenlangen Debatten die glänzensten strategischen Ideen hin - und her - beriet, von denen vielleicht jede glücklich gewesen wäre, wenn man sie ausgeführt hätte, der aber nach Stunden auseinander gegangen ist, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben, oder aber, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte, niemand fand, der für seine Ausführung sorgte, an die Front telegraphierte usw.
Wir haben oft mehrere Stunden über die lächerlichen und kleinsten Maßnahmen verhandelt, über Maßnahmen, die hier zu Hause der jüngste Volontärarzt oder allenfalls sogar die Krankenschwester selbständig verfügt. Wenn diese Verhandlungen, die oft durch Erläuterungen über die russische und deutsche Seele, über ein wissenschaftliches Werk oder eine Weltanschauungsfrage, aber gelegentlich auch nur durch eine reichliche Mahlzeit unterbrochen wurden, dann endlich zu irgendeinem Resultat geführt zu haben schienen, fing gewöhnlich einer der russischen Ärzte wieder von Neuem an: “Glauben Sie nicht, daß man schließlich doch noch zu einer Einigung gelangt, so mußten die deutschen Ärzte - immer in sehr vorsichtiger Form, denn die Russen sind überaus empfindlich - dafür sorgen, daß es nicht auf dem Schreibtisch liegen blieb, daß es in der Apotheke abgegeben wurde, daß die Arznei selbst am nächsten Tage oder am Nachmittage aus Lenins Küche in Lenins Krankenzimmer gelangten, wo sie dann am übernächsten Tage sicher ungeöffnet am Nachtisch stand. Charakteristisch war ein bestimmtes Erlebnis.
Lenin bekommt einen bedrohlichen Anfall von Herzschwäche. Die beiden deutschen Ärzte sind allein an seinem Krankenlager. Wir verständigen uns durch zwei Worte, ich eile hinaus:
“Bitte, sofort eine Spritze mit dem Mittel!“ Ich selbst gehe ins Krankenzimmer zurück, da ich Professor Foerster mit dem sehr unruhigen Patienten nicht alleine lassen kann. Die Spritze kommt nicht, ich gehe noch einmal ins Vorzimmer, rufe noch einmal dringend und laut um die Spritze - wieder erfolglos. Ich bemerke dazu, daß die Spritzen immer im Vorzimmer in Carbolsäure lagen, und daß die Arzneien sich in demselben Zimmer in einem Schrank befanden, Ich eile also wieder hinaus, um die Spritze zu holen. Die Spritzen sind verschwunden und die Ärzte auch. Die Ärzte waren - ausgerechnet in diesem Augenblick - in eine Debatte darüber geraten, ob es nicht zweckmäßig sei, die Spritzen vor ihrem Gebrauch jedesmal auszukochen, anstatt sie in Carbolsäure zu desinfizieren. Nachdem Lenin wochenlang viele Einspritzungen aus nicht ausgekochten Spritzen erhalten hatte, hatte er sich diesmal, wo sein Leben auf dem Spiel stand, für das Auskochen entschieden und sich mit den Spritzen in die Küche begeben, wo ich mir dann eine aus schon recht heißem Wasser herausholen mußte. Auch ein anderes Erlebnis schien mir für die Psyche des Russen, zugleich aber auch für die Lage, in der wir uns befanden, recht charakteristisch zu sein.
Wir hatten eine Zeit lang keine Bulletins ausgegeben, als Lenin ein wenig Fieber bekam und der Verdacht einer Lungenentzündung auftrat. Es wurde vorgeschlagen, das Publikum auf alle Möglichkeiten durch ein vorsichtiges Bulletin vorzubereiten. Nach langer Besprechung der Ärzte wurde dieser Vorschlag angenommen und das Bulletin zunächst auf deutsch festgelegt und dann ins russische übersetzt, was jedesmal viel Zeit beanspruchte. Die Bulletins gingen dann an den Staatskommisar für das Bildungswesen, Professor Semaschko. Dieser erschien nach einiger Zeit, um uns mitzuteilen, daß die Regierung das Volk an diesem Tage nicht beunruhigen wollte und das Bulletin nicht erscheinen lasse, Da es am nächsten Tage nicht besser ging, bestanden wir nun auf dem Erscheinen eines Bulletins, setzten ein neues fest, gaben es an Semaschko mit der mündlichen und schriftlichen Bitte, das erste Bulletin unter allen Umständen zu vernichten, weil natürlich zwei Bulletins, die nacheinander von dem Auftreten einer Komplikation berichteten, mißverständlich wirken mußten. Das Ergebnis war, daß am nachsten Morgen nicht nur beide Bulletins hinter einander abgedruckt, sondern auch beide mit demselben Datum versehen waren. Darüber entstand eine große Erregung unter den russischen Ärzten, die sachlich gewiß nicht ganz unbegründet, aber doch sehr übertrieben war. Man meinte, und wie ich später erfuhr, nicht ganz mit Unrecht, daß das Publikum an unsere Bulletins nicht mehr glaube - ich bemerke dazu, daß diese Krankheitsberichte absolut wahrheitsgemäß abgefaßt waren - daß man Lenin für viel kränker oder sogar längst für tot hielte, und daß jetzt zwei in Einzelheiten, z.B. in Bezug auf die Temperaturen, widerspruchsvolle Bulletins für denselben Tag selbstverständlich als Beweis da aufgefaßt würden, daß die ganze Berichterstattung schwindelhaft sei. Bei derartigen Äußerungen klang bei den russischen Ärzten doch immer ein leiser Unterton von Sorge um die eigene persönliche Sicherheit mit. Ihre Erregung wurde erst einigermaßen von Semaschko beschwichtigt, der für den nächsten Tag eine aufklärende Notiz in den Zeitungen versprach. Diese Notiz ist nicht erschienen, und da sie nicht erschienen war, wartete ich nun eine gesteigerte Erregung der russischen Ärzte. Diese blieb aber aus und zwar offenbar deshalb, weil das Publikum ruhig geblieben und weil ihre am Tage vorher angefachte Energie inzwischen längst wieder erlahmt war.
Diese Entschlußunfähigkeit, ein passives Leiden, ist für mich psychologisch der Haupteindruck gewesen, den ich in Moskau gewonnen habe. Die wichtigsten Bestandteile der russischen Sprache schienen mir “zcedschasz“, was wörtlich “sogleich“, dem gemeinten Sinne nach “vielleicht einmal später“, und praktisch “wahrscheinlich niemals“ bedeutet, und das berühmte “nitschewo“ zu sein. Nur hatte das “nitschewo“ “es macht nichts“ jetzt eine sehr starke Beimischung von stiller Resignation. Eine junge Frau aus gutem Hause erzählte mir, daß ihre jüngere Schwester wahrscheinlich an Typhus schwer erkrankt sei. Ich erkundige mich am nächsten Tage und erhalte die gleichmütige Antwort: “Ich glaube, es geht schlecht, aber was macht das? Wenn sie stirbt, ist ein junger Mensch weniger auf der Welt, es gibt junge Madeln genug“. Dieselbe Stimmung kennzeichnete die politische Einstellung. “Ihr in Deutschland werdet noch dasselbe durchmachen, was wir durchgemacht haben, und ihr werdet dann sehen, daß man auch das aushält. Krieg, Hungersnot und Revolution haben wohl 30 Millionen Russen getötet, es gibt immer noch genug“. Häufig mischte sich ein Zug ironischer Selbstverspottung in diese Betrachtungsweise.
Man unterschied drei Arten von Moskauern: die im Gefängnis gesessen hatten, die jetzt saßen und die sitzen werden. Das bedeutet aber durchaus nicht eine Anspielung auf den ersehnten Umschwung. Den wünschte man wohl, aber man hoffte nicht mehr auf ihn, und die meisten, mit denen ich gesprochen hatte, trugen ihr Schicksal mit einer stillen Ergebenheit, wie sie Nichtslaven wohl niemals ganz verständlich werden wird.
Damit bin ich also bei der politischen Einstellung, und hier ist es wohl richtiger, mit der herrschenden Partei und mit der Regierung zu beginnen. Es ist bekannt, daß Rußland unter der Diktatur der kommunistischen Partei lebt, und daß diese Partei, die damals etwa 500 000 Menschen umfassen sollte, mit unseren deutschen Parteien nicht verglichen werden kann, sondern mehr nach Art eines Ordens oder einer Loge organisiert ist. Die Mitglieder werden sehr streng gesiebt. Wer nicht ganz zuverlässig gilt, aber auch wer durch zu großen Aufwand z.B. die Partei kompromittieren könnte, wird nicht aufgenommen oder ausgeschlossen. Ausgeschlossen wird auch die Minorität, die bei Abstimmungen in wichtigen Fragen gegen die Regierung stimmt. So läuft das ganz auf eine Oligarchie hinaus, die sich nun ihrerseits nicht nur auf die Partei, sondern auch auf die Rote Armee stützt.
Insofern war es natürlich von besonderem Interesse, zunächst die Hauptführer der Regierung kennen zu lernen. Man wird hier mit manchen Vorurteilen brechen müssen, mit denen sich naive Gemüter in Deutschland offenbar immer noch bald einlullen, bald gegenseitig schrecken. Die Führer der Sowjetregierung in Moskau lassen sich weder mit den kommunistischen Rowdies, die gelegentlich unsere Reichstagsverhandlungen oder auch die Betriebsratssitzungen irgendeiner Fabrik oder einer Klinik beleben, noch mit den ästhetischen Kaffeehausjünglingen vergleichen, die sich bei uns nach der Revolution als Edelkommunisten aufgetan haben.
Wer diese Persönlichkeiten verstehen will, muß sich zunächst nach ihrer Vorgeschichte erkundigen. Die meisten sind Revolutionäre, nicht nur von Beruf, sondern schon von Geburt. Mancher Kommunist ist im Gefängnis oder in Sibirien geboren. Das “Kapital“ von Marx war in seiner Erziehung Fibel, Katechismus und Bibel zugleich. Er kennt nichts anderes als sozialistische Ideen, und er kennt auch die russische Geschichte lediglich vom Standpunkt des Revolutionärs. Der Zar wie der Bürger, die absolute Regierung und das demokratische Parlament, die Religion und die Wissenschaft sind für ihn zunächst nur die Feinde des Arbeiters und die Gegner der marxistischen Entwicklung.
Diese Einseitigkeit seiner Erziehung und seiner Bildung geben seinem Fanatismus den nötigen Schwung. Seine Schicksale als Revolutionär aber verleihen seiner Persönlichkeit die Härte und Rücksichtslosigkeit, die das ganze bolschewistische Regime kennzeichnen.
Mir ist die Psychologie dieser Leute erst ganz klar geworden, als wir auf der Rückreise von Moskau nach Berlin der mich begleitende Kurier, ein gebildeter junger Mensch, der gut deutsch sprach, eine Festschrift “25 Jahre kommunistische Partei Rußlands“ erklärte, in der ich fast alle hervorragenden Führer der Revolution in frühen Phasen ihres Lebens im Gefängnis, in unterirdischen Versammlungsorten, in Sibirien, in der Verbannung dargestellt fand. Hier konnte man sich überzeugen, welche unerhörten persönlichen Opfer diese Revolutionäre ihrer Idee gebracht hatten, ehe die Verwirklichung dieser Idee irgendwie nahe gerückt zu sein schien. Diese Menschen mit den rohen Opportunisten, die bei uns durch die Revolution in die Höhe gekommen sind, oder gar mit den Schiebernaturen zu vergleichen, die Krieg und Umsturz zu ihrer persönlichen Bereicherung benutzt haben, ist sicher falsch. Es scheint mir wichtig, diese Fehler einzusehen, weil Irrtümer in der Beurteilung dieser Persönlichkeiten doch nicht ganz gleichgültig für unsere politische Praxis sein dürften. Was die Führer im einzelnen angeht, so kann ich über Lenin wenig sagen. Heute, nach seinem Tode, weniger deshalb, weil ich durch das ärztliche Berufsgeheimnis immer noch zu besonderer Zurückhaltung verpflichtet bin, als deshalb, weil Lenin doch schwer krank war, als daß ich mir ein eigenes Urteil über ihn hätte bilden können.
Über die unmittelbare Wirkung der Persönlichkeit weiß ich aber von Professor Foerster, der ihn noch fast gesund erlebt hatte, daß sie von hinreißender Liebenswürdigkeit, sehr guter Politur und überragender Geistesgröße gewesen sei. Dieser Eindruck eines klugen und ganz gewiß nicht zum Kommunismus neigenden Mannes, der sich auf wochenlanges enges Zusammenleben stützte, erklärt die ganz ungewöhnliche Rolle, die Lenin im Bewußtsein der Russen, und zwar auch der nicht kommunistischen Russen, gespielt hat. Ich meine damit nicht die Regierung. Für sie war Lenin das Firmenschild, das damals nicht mehr viel anders gewertet und angewandt wurde als früher der Zar. Schwierigkeiten, da, wo es sich um Lenins Leben handelte, gab es offenbar nicht. Als wir eine Arznei gebrauchten, die in Moskau zunächst nicht aufzutreiben war, wurde in wenigen Minuten eine funktelegraphische Verbindung nach Berlin hergestellt und verabredet, daß am nächsten Morgen in Königsberg ein Flugzeug aufsteigen sollt, das bis sieben Uhr Abends mit der Arznei in Moskau sein würde. Auf Lenin hatte aber, so erstaunlich das in Deutschland auch klingen mag, schon damals auch die ganze Opposition ihre Hoffnung gesetzt.
Er galt auch bei den erbitterten Gegnern der Sowjetregierung für einen hervorragenden, weitblickenden Staatsmann - es ist z.B. sicher, daß er die Ruhrbesetzung, den Ruhrkampf und das Erlahmen dieses Kampfes zwei Jahre vor dem Einrücken der Franzosen vorausgesagt hat, er hat hinzugefügt, daß dieses Ereignis England veranlassen würde, die Beziehung zu Rußland wieder aufzunehmen - Lenin wurde dazu auch von seinen Gegnern für persönlich unantastbar gehalten. Der einzige persönliche Tadel, der mir zu Ohren kommen ist, war der, daß er in politischen Dingen wie gedruckt log.
An Lenin lobte man sein hervorragendes Wissen, seine große Energie und seinen ebenso großen persönlichen Mut. Aber mein Gewährsmann fügte gleich hinzu: “Natürlich, lügen gehört für einen Politiker zum Gewerbe“.
Ihm und ihm allein traute man die Fähigkeit zu, Rußland wieder aufzubauen, kommunistische Ideen da, wo es sich als notwendig herausstellte, aufzugeben, Widerstände in der eigenen Partei niederzukämpfen und Rußland auch nach außen hin wieder zu Macht und Ansehen zu
führen. Lenin besaß dabei einen sehr großen Vorzug vor vielen seiner Kollegen. Er war kein Jude, sondern Russe. Sein Vater war Gymnasialdirektor gewesen, er selbst hatte sich nach der Hinrichtung seines Bruders, der schon vor ihm Revolutionär war, der revolutionären Bewegung angeschlossen.
Einen bedeutenden Eindruck hat mir persönlich in mehreren Besprechungen Trotzki gemacht, der ja, wie bekannt, ausgezeichnet deutsch spricht. Wenn man Trotzki schildern will, so wird man gewiß zunächst an den Typus des deutschen jüdischen Rechtsanwaltes denken. Aber er besitzt eine souveräne Art, die Dinge zu sehen und zu behandeln, die man nur selten zu Gesicht bekommt, und es ganz unmöglich macht, ihn nur als jüdischen Anwalt zu werten. Trotzki hat in Rußland den großen Nachteil, daß er Jude ist.
Die böseste Äußerung, die ich während meines ganzen Aufenthaltes gegen die Kommunisten überhaupt gehört habe, war die einer sehr gebildeten und klugen Dame: “Es gibt ein Volk, das die Russen noch mehr haßt als die Franzosen die Deutschen, das sind die Juden: die haben die Revolution nur gemacht, um Rußland zu vernichten“. Diese Stimmung kann sich augenblicklich, wo die Juden in der Regierung vorherrschen, natürlich nicht frei auswirken, aber ob sie nicht eines Tages entfesselt werden wird, wird man abwarten müssen.
Trotzki, der bei uns lange als heimlicher Gegner Lenins und als Vertreter einer radikalen Richtung gegolten hat, stand Lenin politisch unzweifelhaft am nächsten, war am meisten für praktische Konzessionen an die Verhältnisse und am meisten auch für ein Zusammenarbeiten
mit Deutschland geneigt. Charakteristisch für ihn war eine halblaute Bemerkung, die er während einer Besprechung mit uns Ärzten fallen ließ. Strümpell hatte unsere Diagnose und Prognose vorgetragen und hinzugefügt, das alles könne nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gelten; je älter man als Arzt würde, um so zurückhaltender würde man in der Voraussage dessen, was in einem gegebenen Falle eintreten müsse.
Darauf Trotzki unter der Stimme, wie zu sich selbst: “Das ist in der Politik genau so, was werden wird, wissen wir nie“.
Mit ihm zu verhandeln, war ein großer intellektueller Genuß. Er besaß nicht nur eine große dialektische Gewandtheit, sondern auch ein ungewöhnliches Konzentrationsvermögen und eine große Fähigkeit, sich schnell in ihm fremde, diesmal also medizinische Gedankengänge einzuleben. Man hatte bei ihm den Eindruck, den man im Verkehr mit Laien selten gewinnt, daß er wirklich verstand, was ihm auseinandergesetzt wurde, und zudem den, daß er die medizinischen, familiären und politischen Gesichtspunkte, die hier in einer sehr ungewöhnlichen Weise durcheinander liefen, mit souveräner Klarheit übersah und beherrschte. Über Kameneff und Rikow, die damals die offiziellen Vertreter Lenins und damit die wichtigsten Häupter der Regierung darstellten, kann ich nicht viel sagen, weil sie beide nicht deutsch sprachen. Ihr Äußeres war durchaus subaltern und eigentlich ungeistig.
Einen viel bedeutenderen Eindruck machte Radek mit seiner Physiognomie eines jüdischen Galgenvogels, der übrigens bei den Leuten, die ihn näher kannten, manche Sympathien genoß. Von ihm stammt die tröstende Erklärung des heutigen Rußlands: “Wenn Ihre Köchin eine Suppe kocht, so wird diese Suppe im fertigen Zustand, manierlich serviert, vielleicht nicht nur gut schmecken, sondern auch sehr erfreulich aussehen. Wenn sie aber vorher immer wieder in die Küche laufen und der Köchin in den Topf gucken, so werden Sie sich nicht wundern dürfen, wenn Sie gelegentlich eine greuliche, schmierige Brühe zu sehen bekommen.“
Einen ausgemacht unsympathischen Eindruck hat mir Sinowieff gemacht, und zwar ohne daß ich von den über ihn schwirrenden Gerüchten damals irgend etwas wußte; denn auch Sinowieff sprach kein Wort deutsch.
Als Trotzkis und im Grunde auch Lenins Gegenspieler galt damals schon Bucharin. Er hat in Rußland vor Trotzki den Vorteil, daß auch er Russe und kein Jude ist. Er galt damals mit Sinowieff zusammen als Vertreter des radikalen linken Flügels, gleichzeitig merkwürdiger Weise, obwohl er, so viel ich weiß, reiner Theoretiker und überhaupt lediglich Intellektueller ist, als Bauernführer.
Er bewies gelegentlich ein besonderes Interesse für Lenins Gesundheitszustand, und ich habe mich schon damals des Verdachtes nicht erwehren können, ob sich hinter seinen Fragen nicht das Interesse des wartenden Erben verbarg. Persönlich hat mir Bucharin den Eindruck eines enghorizontigen Fanatikers gemacht.
Tschitscherin bin ich in einem Zusammenhang, über den ich hier nicht näher sprechen möchte, persönlich etwas näher getreten. Freilich ist diese Möglichkeit bei ihm außerordentlich beschränkt. Er ist unzugänglich, verschlossen, und ich würde ihn auch für mißtrauisch halten. Daß er ein schwerer Psychopath ist, weiß ich. Im Übrigen ist er, wie bekannt, ein russischer Rurick, hat sich aus eigener romantischer Überzeugung lange vor dem Krieg der kommunistischen Bewegung angeschlossen, seinen ganzen Besitz an die Bauern verschenkt und sich mit einer kleinen Rente ins Ausland zurückgezogen, um erst nach der Revolution zurückzukehren. Er ist zweifelsohne von einer ungewöhnlichen Intelligenz und einer ungeheuren Arbeitskraft. Dabei war er für seine Umgebung dadurch etwas lästig, daß er diese Arbeitskraft im wesentlichen in der Nacht betätigte, um dann in den Vormittagsstunden zu schlafen.
Ganz ähnlich war übrigens die Lebens- und Arbeitsweise unseres Botschafters, des Grafen Brockdorf-Rantzau, über den ich hier ein paar Bemerkungen einschalten möchte, Ich weiß, d.h. ich habe nach meiner Rückkehr aus Rußland erfahren, daß er in nationalen deutschen Kreisen viele Gegner besitzt, weil er Demokrat wäre und sich der neuen deutschen Regierung zu früh zur Verfügung gestellt hätte. Im Verein mit dem, was ich von dem Grafen selber gehört habe, möchte ich allenfalls glauben, daß bei dieser Entwicklung etwas Ressentiment im Spiele gewesen sein mag; denn er machte keinen Hehl daraus, daß ihn der Kaiser nicht hätte leiden können und daß er deshalb vor der Revolution manche Zurücksetzung erfahren habe. Der schließlich allein entscheidende Gesichtspunkt für seine Entschließungen im Jahre 1918 ist nach meiner festen Überzeugung seine große Vaterlandsliebe und die Erkenntnis gewesen, daß er jetzt Gutes leisten und Schlimmes verhüten könne. Ich habe in dem Botschafter einen ungewöhnlich klugen, sehr fleißigen und sicherlich in dem ernstesten Streben erfüllten Mann kennen gelernt, er hat immer wieder darüber geklagt, wie wenig Unterstützung er fände. Gewiß war es zu 90% eine Höflichkeitsphrase, wenn er wiederholt betont hat, daß wir deutschen Ärzte die ersten seien, die ihm in der Nachkriegszeit, Versailles mitgerechnet, seine politische Aufgabe, so wie er seine politische Aufgabe verstünde, erleichtert hätten.
Über die verschiedenen deutschen Regierungen und die Bürokratie des auswärtigen Amtes in Berlin konnte er gelegentlich recht bitter werden. Sein Auftreten den Russen gegenüber ist mir immer würdig und auch angemessen erschienen, als er keinen Versuch machte, auf das durchschnittliche gesellschaftliche Niveau der jetzigen russischen Machthaber
herunterzusteigen, obwohl er ebenso wenig durch Grand-Seigneur-Manieren verstimmt wirkte. Was mir mißfallen hat, war, daß er gelegentlich nach Tisch etwas weicher und unbeherrschter werden konnte, als es bei seiner Stellung wünschenswert erschien. Alles in allem möchte ich aber glauben, daß wir kaum einen Mann finden werden, der unsere Interessen in Moskau besser wahrzunehmen vermöchte. Brockdorf-Ranzaus eigene Auffassung von dieser Aufgabe ist mir am klarsten durch eine gelegentliche Bemerkung über die oberschlesische Frage geworden: “Ich bin fest überzeugt, daß, wenn wir den Vertrag von Rapollo ein Jahr früher abgeschlossen hätten, so hätte die bloße Tatsache, daß Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland bestanden, Polen obwohl wie die ganze Entente verhindert, Deutschland auch nur einen Fuß breit oberschleßischen Bodens zu nehmen“.
Wie fabelhaft ungeschickt sich unser Berliner Auswärtiges Amt gelegentlich benommen hat, mag noch eine kleine Anekdote beleuchten, die Radek betrifft.
Bei der Ermordung des Grafen Mirbach lag die - inoffizielle - Vertretung der deutschen Interessen durch lange Zeit in den Händen eines jungen in Moskau gebürtigen deutschen Ingenieurs, des jetzigen Legationsrates Hilger. Dieser fungierte als Vertreter des deutschen roten Kreuzes, hatte den Heimtransport deutscher Gefangener und Zivilinternierter organisiert und nahm, wie gesagt, in inoffizieller Weise, -da wir die Beziehungen zu Rußland noch nicht wieder aufgenommen hatten-, die deutschen Interessen wahr. In dieser Zeit erhält er ein Telegramm vom Berliner Auswärtigen Amt: es bestehe der Verdacht, daß Radek - ich weiß nicht, in welchem Teil Deutschlands - ein kommunistisches Feuer schüre. Er - Hilger - möge feststellen, ob Radek in Moskau sei. Sofortige Antwort: Ja, Radek ist in Moskau. Darauf neue
Depesche: Hilger möge sich Zeit nehmen und seine Erhebungen sorgfältiger machen. Hilger sucht also unter irgend einem Vorwand Radek auf und richtet dann ein neues chiffriertes Telegramm nach Berlin: “Radek ist in Moskau und trägt dieselbe auffallende Barttracht wie immer (Radek hat ein Gesicht, das man nie vergißt, wenn man es einmal gesehen hat), und er kann also unmöglich die Absicht haben, in diesem Zustand unerkannt über die deutsche Grenze zu kommen“. Nach einigen Wochen erscheint Radek bei Hilger, offensichtlich auch unter irgend einem Vorwand.
Beim Fortgehen zieht er ein deutsches Zeitungsblatt aus der Tasche: Sitzung des deutschen Reichstages, Anfrage der deutschnationalen Partei, warum die Regierung zulasse, daß Radek kommunistische Aufstände in Deutschland organisiere; Antwort des Regierungsvertreters:
wörtliche Verlesung des letzten Hilgerschen Telegrammes. Übrigens schien die Sache die Beziehungen zwischen den beiden Herren nicht gestört zu haben.
Nach dieser Abschweifung zur übrigen russischen Bevölkerung. Die große Masse fast aller Stände steht entschieden in der Opposition: “Wir leben nicht mehr, wir leiden nur noch “, war eine der allerhäufigsten Bemerkungen. Man fühlte sich persönlich unsicher, seinen Freunden konnte man nicht mehr trauen, ob er nicht ein Spitzel der Regierung war, man durfte nichts unternehmen, ohne befürchten zu müssen, daß es verboten wäre oder doch jeden Tag verboten werden könnte. Der Handel war zwar theoretisch freigegeben, aber schon durch die Besteuerung praktisch geknebelt, und außerdem hatte niemand Zutrauen, daß die Regierung nicht plötzlich alles wieder beschlagnahmen könnte, was der Einzelne etwa doch im Handel zu erwerben vermöchte. Über die Bauernschaft weiß ich aus eigener Wahrnehmung natürlich nichts. Immerhin hatte sich das Sowjetregime wohl nicht so lange halten können, wenn es nicht wenigstens einer Art wohlwollender Neutralität in diesen Kreisen erfreut hatte. Wie man diese Neutralität erklärte, das war wieder echt russisch: “Es geht den Bauern, wenn das möglich ist, noch schlechter als unter dem Zaren,“ hat man mir gesagt, “aber in einer Hinsicht geht es ihnen besser. Es gibt keine Großgrundbesitzer mehr, die sie beneiden können, und an die sie Abgaben entrichten müssen“.
Durchaus in der Opposition - von wenigen Ausnahmen abgesehen - befindet sich die Intelligenz.
Sie hat sich aber in dieser Opposition auch unter dem Zaren befunden und wollte damals wenigstens eine Konstitution. Man würde sich auch sicherlich täuschen, wenn man in diesen Kreisen eine Sehnsucht nach der Herrschaft des Zaren voraussetzen wollte. Man muß bedenken, was es heißt, durch sechs Jahre hindurch das jetzige Regime erlebt zu haben. Es ist klar, daß zum mindesten die äußerlichen Vorteile, die die Monarchie nicht bloß den herrschenden, sondern auch den bloß bevorzugten Ständen zu bieten vermag, durch die hier erzielte Umwertung aller Werte jeden Reiz und jede Bedeutung verloren haben. Das Ideal, was die Intellektuellen allenfalls noch haben, wäre wohl eine konstitutionelle Monarchie, Sich in einer einfachen Demokratie selbst zu regieren, das trauen sie dem russischen Volk - wenn sie ganz ehrlich sind, wohl auch sich selber - nicht zu.
Aber sie trauen es im Grunde wohl niemandem zu und so ist das Endergebnis wieder das “nitschewo“. Was will man machen - übrigens hält der Mensch viel mehr aus, als er sich in guten Tagen zutraut.
Die ganze Bevölkerung ist eben mürbe, hoffnungslos, fatalistisch. Sie wird auch mit drakonischer Strenge ruhig gehalten. Dazu kommt aber wenigstens für die Gebildeten noch etwas anderes, was ihnen bei einer gegenrevolutionären Bewegung jede Stoßkraft rauben müßte. Sie standen, wie gesagt, schon unter dem Zaren in der Opposition, sie haben mit anderen Worten, die Revolution schon lange erwartet und für notwendig gehalten. Diese Einstellung hat sich offenbar in die allerhöchsten Kreise erstreckt. Der Sohn eines früheren russischen Botschafters hat mir von seinem Vater erzählt, daß er ihm wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges gesagt habe: “Für Rußland ist es ganz gleich, ob wir den Krieg gewinnen oder verlieren, endigen wird der Krieg für uns mit dem Kommunismus.“ Und die Frau dieses Grafen, die Tochter eines offenbar sehr wohlhabenden Universitätsprofessors, die jetzt im Orchester der großen Oper ein recht seltenes Instrument, und zwar sehr gut spielt, hat mir auf meine Frage berichtet, “Ja, wir haben alle in unserer Kindheit etwas derartiges gelernt; unser Vater hat uns vorausgesagt, daß in Rußland der Tag kommen werde, von dem an kein Mensch mehr besäße, als er sich durch seiner Hände Arbeit von einem Tag zum anderen erwerben vermöchte.“
Aber der Intelligenz fehlt es nicht bloß an der inneren Überzeugung‚ daß eine andere Staatsform die bessere oder die absolut gute wäre, sondern es fehlt ihr auch an der moralischen Entrüstung über die gegenwärtigen Verhältnisse. Auch hier scheinen die russische Psyche und die Eindrücke der russischen Geschichte zusammenzuwirken. Wenn man als Ausländer mit einem gewissen Entsetzen von den Terrorakten zur Zeit der Revolution spricht, so zuckt der Russe meist die Achseln: “Das ist doch so.“ Revolutionen wie unsere deutsche, die ohne Blutvergießen und ohne Grausamkeit ganz unmöglich ist, der Kommunismus selber, ja schon während meiner Anwesenheit in Moskau nicht mehr bestand, und zweitens, daß sich die Gewaltherrschaft der Sowjetleute doch schon recht viele Jahre hält, und daß sie inzwischen immer fester geworden ist. Es scheint doch so, als wenn in Rußland vieles möglich wäre, was sich bei uns unzweifelhaft als unmöglich herausstellen würde. Vielleicht wird man sagen dürfen, daß sich auch das zaristische System bei uns niemals hätte halten können.
Als ich in Rußland war, lief die Hoffnung der meisten Russen und wohl auch vieler Deutscher, die die Moskauer Verhältnisse übersahen, auf eine Evolution hinaus. Man sah in der neuen ökonomischen Politik, die Lenin eingeschlagen hatte, den Anfang vom Ende des Kommunismus, man glaubte, daß Lenin und Trotzki, der in diesem Zusammenhang wohl unzweifelhaft zu Lenin gehörte, das utopische des kommunistischen Gedankens, wenn auch nicht immer, so doch jetzt erkannt hätten, und daß sie jetzt vorsichtig und langsam, aber doch sicher, ein mögliches wirtschaftliches und politisches System zu schaffen versuchten. Auch von denen wurde diese Hoffnung geteilt, die von der Schwere von Lenins Krankheit eine ungefähre Vorstellung besaßen.
Deswegen sollte Lenin so lange als möglich am Leben erhalten werden, weil die Revolution nur unter Führung seines Namens möglich erschien, deshalb fürchtete man seinen Tod, weil nach diesem mit der Herrschaft des radikalen linken Flügels, mit der Aufhebung der neuen ökonomischen Politik, mit der rücksichtslosen Zerreißung aller Handelsbeziehungen zum Ausland und damit mit dem vollen wirtschaftlichen Ruin Rußlands gerechnet werden mußte.
Als ich in Rußland war, waren dauernd deutsche und amerikanische Kommissionen dort, die Konzessionen suchten und erhielten, deutsche Ingenieure, die ihre Fabriken wieder in Gang bringen sollten, und Kapitalisten, die Geschäfte zu machen versuchten. Damals konnte man wohl daran denken, daß die Verbindung mit dem ausländischen Kapital die Sowjetregierung, sie mochte es wollen oder nicht, vom Kommunismus für immer und sehr weit entfernen würde, Damals konnte man gerade aus diesem Grunde auch wünschen, daß recht viel Kapital nach Rußland flöße, weil Kapital und Kommunismus denn nun doch wohl nicht auf die Dauer nebeneinander bestehen konnten.
Inzwischen ist Lenin gestorben, und was man fürchtete, scheint eingetreten zu sein. Der radikale Flügel unter Bucharin und Sinowieff hat die Herrschaft an sich gerissen und Trotzki vorübergehend beseitigt. Freilich, es ist ein aber dabei. Es scheint nicht wahr zu sein, daß Trotzki aus Moskau verbannt worden ist. Er scheint, wenn auch stark bewacht, in der Nähe von Moskau zu leben, und hier taucht wieder das große Fragezeichen auf, das hinter alle Betrachtungen über Gegenwart und Zukunft Rußlands gesetzt werden muß. Wie ist es mit der Roten Armee? Ich habe in Moskau, wie überall in der Welt, Optimisten und Pessimisten kennen gelernt, vorsichtige und unvorsichtige Menschen, solche, die über alles eine feste und unanfechtbare Meinung besaßen, und andere, die zu allem und jedem zweifelnd die Achseln zuckten. Aber einen Menschen, der sich ein Urteil über die Stimmung der Roten Armee zugetraut hätte, den habe ich nicht kennen gelernt. Sie war, wie gesagt, zum größten Teil von zaristischen Offizieren befehligt, diese Armee und diese Offiziere wurden durch Sowjetkommisare beaufsichtigt. Wer der Gegenrevolution auch nur verdächtig gemacht werden konnte, durfte eines sofortigen Todes gewärtig sein, und seine Familie wurde nach Sibirien verbannt. So hatte man diese zaristischen Offiziere fest in der Hand. Aber das hatte doch nur so lange Zweck, als man der Armee selber, der Soldaten, sicher war, und wenn jetzt wirklich die zaristischen Offiziere ganz ersetzt sein sollten, so würde immer noch gefragt werden müssen: wie denkt denn die rote Armee ? Man hat lange geglaubt, daß sie mit Trotzki durch dick und dünn gehen und unter allen Umständen zu ihm halten würde. Es sieht jetzt so aus, als wenn dem nicht so wäre. Aber es wäre ja auch denkbar, daß Trotzki nur seine Stunde noch nicht für gekommen gehalten hätte, und daß er diese Stunde erst abwarten will. Es müßte ja auch nicht Trotzki sein. Die Armee könnte ebenso gut einen anderen General, sie könnte auch einen Großfürsten an die Spitze Rußlands stellen. Ob sie es tut, das wird wie gesagt, niemand voraus sagen können, denn diese Armee scheint mit einem Stacheldraht umgeben zu sein, der es niemand erlaubt, über ihren Geist ins klare zu kommen.
Da man die Hoffnung auf eine Revolution vorläufig, jedenfalls bis ein neuer Lenin oder ein neuer Trotzki auftaucht, ganz aufgeben muß, bleibt eine andere Möglichkeit, die freilich von der soeben angedeuteten nicht grundsätzlich abweicht. Wenn Rußland eines Tages Krieg führen sollte, in welcher Stimmung und mit welchen Absichten wird eine siegreiche oder eine geschlagene Armee zurückkehren?
Mir schien damals eine kriegerische Auseinandersetzung mit Polen das Wahrscheinlichste zu sein, aber die Russen machten kein Hehl daraus, daß sie zunächst einmal wirtschaftlich erstarkt und innerlich organisiert ein müßten, ehe sie ans Kriegsführen denken konnten, und man behauptete gerade damals, die rote Armee würde an Zahl vermindert. Daß Sowjetrußland aber Polen in seiner heutigen Gestalt auf die Dauer erträgt, halte ich für ganz ausgeschlossen, wohl aber sind die jetzigen Machthaber zu klug, um nicht die Gefahren gerade auch eines siegreichen Heeres für ihre eigene Stellung vorauszusehen. Dieser Krieg könnte ganz leicht eine Entwicklung einleiten, die sich in der Geschichte der französischen Revolution an den Namen Napoleons knüpft.
Eines möchte ich aber ausdrücklich betonen: wenn russische Emigranten und deutsche Ideologen von einem Eingreifen des Auslandes träumen, so beachten sie eines nicht: daß die Russen von außen – die Emigranten rechnen sie in jeder Hinsicht, ja man kann sagen, mit besonderem Nachdruck, zum Ausland - eine Hilfe weder erwarten noch wollen. Wir Deutschen ahnen nicht einmal, von welchem ungeheuren Nationalgefühl der Russe erfüllt ist. Wir können es nicht begreifen, daß ein Mensch, der alles, materiell und ideell alles, verloren hat, lieber leidet, als sich vom Ausland befreit sehen will. Der Russe spricht es so auch selten aus. Er sagt, daß Rußland einen großen Krieg nicht ertrüge, daß sein armes Land, dessen Industrie zerstört, dessen Landwirtschaft verkommen, dessen Verkehrsmittel auf einen verschwindenden Bruchteil vermindert waren, daß ein solches Land gar keinen Krieg mehr aushalten könnte und daß sich jeder halbwegs Verständige für eine Hilfe bedanken müßte, die ihm schließlich das Leben kosten würde.
Er meint dies alles auch wirklich und er führt diese selben Gründe an, wenn er erklärt, daß ein großer Bürgerkrieg in Rußland einfach nicht kommen dürfe, weil sonst Rußland nichts übrig bliebe.
Aber wenn er vom Ausland spricht so denkt er zugleich noch ein anderes. Innere russische Angelegenheiten gehen das Ausland nichts an - Ich möchte niemanden raten‚ eines Tages neben Rußland als dessen Retter zu stehen.
Es erscheint mir wichtig, dies alles gerade auch in Rücksicht auf Deutschland hervorzuheben, weil hier offenbar doch ein wesentlicher Unterschied zwischen allen übrigen Völkern und dem deutschen besteht. Wenn die anderen von ihrer moralischen Verpflichtung reden, einem Teufeiswerk wie den Kommunismus ein Ende zu machen, so darf man nicht andere bewerten, als wenn er/sie früher vom deutschen Imperialismus und von der zwangsweisen Bekehrung des deutschen Volkes zur Demokratie gesprochen haben. Wenn ihre Handelsinteressen es wünschenswert machen, so werden sie Sowjetrußland bekämpfen, und wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen so werden sie auch mit ihm zusammenarbeiten. Bei uns in Deutschland glaubt man aber, was man sagt, und fühlt sich als ewiger Schulmeister der ganzen Welt wirklich berufen, anderen Völkern in ihre inneren Angelegenheiten nicht bloß hineinzureden, sondern auch hinein zu pfuschen. Es ist vielleicht ein Glück, daß uns hierzu alle Machtmittel fehlen; denn Dank würden wir von Rußland auch dann nicht ernten, wenn wir mit irgendeiner gegen den Kommunismus gerichteten Aktion wirklich Erfolg haben sollten.
So wie die Machtverhältnisse in der Welt nun aber tatsächlich liegen, kommt ein Eingreifen Deutschlands zunächst auch wohl nicht mehr in Frage.
Dagegen ist es gewiß ein aktuelles politisches Problem, ab man sich nach der politischen Seite mit den Sowjetleuten allzu tief einlassen sollte, und ob man sich damit nicht Möglichkeiten für später verschüttet.
Als ich in Moskau war, schienen dort alle dortigen Russen, - die der Opposition sowohl wie der Regierung - davon überzeugt zu sein, daß Deutschland und Rußland aufeinander angewiesen seien. Ein wichtiges Bindeglied zwischen beiden Ländern sahen sie dabei in der gemeinsamen Einstellung zu Polen. Daß sich Rußland, von wem es auch regiert werden mag, auf die Dauer mit Polen in seiner heutigen Gestalt abfindet, halte ich persönlich für ausgeschlossen. In dieser Hinsicht hat mich ein Erlebnis im Kreml sehr nachdenklich gemacht. Als man mir dort das große neu errichtete Museum zeigte, in dem dauernd noch neue Abteilungen eingerichtet werden, in dem jetzt schon keineswegs Überfluß an Platz herrscht, gelangten wir in zwei vollkommen leere, aber keinesfalls mit leeren Schäften ausgestattete Säle. Man mußte als Besucher natürlich fragen, was das bedeutet. Antwort: “Hier gehören die Sachen hin, die wir nach dem verlorenen Krieg an Polen abgegeben haben.“ Der Russe ist überzeugt, daß diese Sachen in den Kreml zurückkehren werden, und er setzt Polen gegenüber durchaus entsprechende Gefühle bei Deutschen voraus. Aber nun kommt der Unterschied:
Der Russe rechnet mit ganz anderen Zeiträumen als wir es gemeinhin tun, und es kommt ihm gar nicht darauf an, das polnische Reich viele Jahrzehnte bestehen zu lassen.
Augenblicklich hat man in Rußland dringendere Aufgaben. Die Russen sind sich vollkommen darüber im klaren, daß sie allein nicht wieder hoch kommen können, und zwar politisch ebenso wenig wie wirtschaftlich. Sie haben es gewiß nicht gerne, wenn ein anderer sie auf ihre Mängel aufmerksam macht, und sie legen im Gegenteil den größten Wert darauf, daß er sie bestreitet, aber sie selbst machen sich kein Hehl daraus, daß sie ohne ausländische Hilfe weder ihre Landwirtschaft noch ihre Industrie wieder in Gang bringen werden, und diese Hilfe erwarten sie damals von Deutschland. Daß es ihnen dabei das Liebste wäre, wenn auch Deutschland zum Sowjetsystem gelangte, ist klar; denn sie sind klug, um einzusehen, daß dieses System auf die Dauer sich isoliert nicht halten kann. Aber sie sind viel zu sehr Realpolitiker, um ihre Beziehungen zu Deutschland von dessen innerer politischer Einstellung abhängig zu machen. Ja, wenn Deutschland stark und entschlossen genug ist, sich die bolschewistische Propaganda innerhalb seiner Grenzen entschieden zu verbitten, so wird das den Beziehungen zu Rußland nach meiner festen Überzeugung auf die Dauer lediglich nützen.
Ich habe in dieser Beziehung oft den Eindruck gewonnen, als wenn wir Deutsche im großen und ganzen doch viel kindlicher dächten, als es die Russen, und zwar nicht bloß die Machthaber dort, tun. Ich habe ganz rechts stehende Russen, mit denen ich verkehrte, gelegentlich gefragt, ob denn nicht die guten Beziehungen zur jetzt russischen Regierung, die Graf Brockdorf-Rantzau pflegte und in deren Dienst wir deutschen Ärzte tätig waren, nicht Deutschland einmal schaden würden, wenn in Rußland der Umschwung erfolgt wäre. Immer ist diese Frage auf vollkommene Verständnislosigkeit gestoßen, wenn man mich aber endlich verstanden hatte, so hat man mir in den entzückenden, herzlichen, liebenswürdigen und rücksichtsvollen Formen, die dem gebildeten Russen zur Verfügung stehen, in allen möglichen Abtönungen immer wieder dasselbe geantwortet:
Ihr Deutschen seid doch viel hoffnungslosere Ideologen wie wir. Glaubt ihr denn immer noch, daß irgend ein Volk der Erde eurer blauen Augen wegen irgend etwas anderes erwartet, als daß ihr, in loyaler Form allenfalls, eure eigenen Interessen wahrnehmt? Ob wir in Rußland einen Zaren oder ein Sowjetregime haben, geht euch Deutsche schlechthin nichts an. Das ist eine innere russische Angelegenheit. Wir erwarten von euch, daß ihr zu uns haltet, weil wir überzeugt sind, daß beide Völker bei der heutigen Weltlage, und zwar auf sehr lange Zeit, aufeinander angewiesen sind. Wenn wir vermuten müßten, daß ihr aus irgendwelchen Gefühlsmomenten heraus zu uns hieltet, und dabei gegen euer Interesse handeltet, so würden wir auf die Dauer eurer Freundschaft nicht vertrauen können. Wenn euch eure Interessen an uns binden, so ist es doch gleichgültig, wer im Innern bei uns herrscht, wollt ihr aber aus rein gefühlsmäßiger Abneigung gegen die Sowjetregierung jetzt nicht mit uns gehen, so würden wir daraus nur folgern, daß man euch politisch nicht ernst nehmen kann.“
Damit traf man bei mir als Deutschen auf eine offene Wunde. Dieses Gefühl, daß man uns politisch nicht recht ernst nahm, bin ich bei aller Rücksicht und bei allem Zartgefühl, das die Russen bei ihren Gesprächen bekundeten, doch nie recht losgeworden. Man nahm unsere Revolution nicht ernst, entweder weil man ihre Notwendigkeit nicht einsah, oder, wenn man, selbst stark links orientiert, eine Theaterrevolution in ihr sah.
Man nahm unser außenpolitisches Verhalten nicht ernst, weil man auch nach dem Kriege nichts als ein trostloses Hin und Her ohne klare Richtlinie beobachtet hatte, und man fand insbesondere unsere Einstellung zu Rußland nicht folgerichtig und deshalb dumm. Wir schicken einen hervorragenden Diplomaten nach Moskau, der sich alle Mühe gibt, gute Beziehungen zu Rußland zu unterhalten; deutsche Ärzte leben wochen- und monatelang als Gäste der russischen Regierung und werden mit allen Mitteln, man kann fast sagen, mit moralischem Zwang von der deutschen Regierung in Moskau gehalten, um sich durch Lenin das russische Herz zu erobern, und inzwischen greifen deutsche Zeitungen die Sowjetregierung in den schroffsten Formen an. Der erste inoffizielle deutsche Vertreter nach Mirbachs Ermordung, Hilger, war als “Halbkommunist“, der sich zum “Degen einer Horde von asiatischen Wilden“ aufgeworfen hätte, beschimpft worden.
Mir selbst hat man in einem deutsch-völkischen bayrischen Blatt vorgeworfen: der wahre Lenin sei schon im Jahre 17 einem Attentat zum Opfer gefallen, ich hätte mich also dadurch düpieren lassen, daß man mir einen “anderen Juden“, einen Pseudo-Lenin, vorgesetzt hätte. Immer wieder hat man mir in Moskau solche Zeitungsartikel und allerhand bissige Notizen gezeigt, und immer wieder war auf der russischen Seite der Gedanke dabei: Kann man mit einem Volke rechnen, das so wenig nationale Geschlossenheit besitzt? Der Russe ist überaus empfindlich, aber er ist außerdem, was man in Deutschland wohl sehr schwer versteht, hundertmal Russe, ehe er Parteimann ist. Er fühlt sich dazu jetzt, auch wenn er nicht zur Regierung gehört ( als Mitglied der Regierung allerdings in besonders hohem Grade ) im internationalen Verkehr deklassiert. Deshalb verletzen ihn Bemerkungen über die “Verbrecherbande“ und die “Bluthunde“ viel mehr, als wir glauben - daß aber diese Bemerkungen irgend etwas nützen, das wird man kaum annehmen dürfen. Sie schaden sogar dort, wo man in Rußland selbst gegen die Sowjetleute auf das wütenste ist.
Weit rechts stehende Kreise in Moskau hätten es sicher verstanden, wenn wir die Beziehungen zu ihnen nicht aufgenommen hätten; was man nicht verstand, das war unser Mangel an politischer Einigkeit, an politischer Klugheit und an politischem Takt. Man begriff es einfach nicht, wie man Sowjetrußland gleichzeitig in herzlichster Weise die Hände schütteln und ihm dabei immer kleine Pressekläffer auf die Beine hetzen konnte. Immer wieder bin ich in dieser Beziehung auf England hingewiesen worden, wo das ganz ausgeschlossen sei. Selbst eine kleine Meinungsverschiedenheit in außenpolitischen Fragen würde man dort mit großer Wahrscheinlichkeit auf die geschickte Presseregie des Auswärtigen Amtes zurückführen dürfen. Ein Russe wäre auch nie auf die Idee gekommen, der ich in Deutschland so oft begegnet bin: daß russische Ärzte oder russische Professoren die Behandlung eines auswärtigen Staatsmannes, zu dem Rußland gute Beziehungen wünschte, ihren eigenen politischen Einstellungen wegen hätten ablehnen können. Die russische Intelligenz macht ja daraus kein Hehl, daß sie selbst nicht kommunistisch gesinnt ist, und daß sie mit dem innenpolitischen Wirken der Bolschewiki nichts zu tun haben will. Wenn es sich aber um nationale Fragen handelt, dann sind sie alle Russen, und von der Partei, ja selbst von dem Haß gegen die Unterdrücker ist gar keine Rede.


Ich möchte wieder eine Anekdote erzählen. Wir sind im Salonwagen (Strümpell, Nonne und ich) von Riga nach Moskau gefahren, und von Professor Liomanosoff, dem Chef des russischen Eisenbahnwesens begleitet worden. Liomanosoff ist ein gebildeter Mann, sehr kultiviert und Professor an einer Technischen Hochschule war, als die Revolution ausbrach, und der sich nun, ob aus Überzeugung oder aus Not, in die Dienste der Sowjetregierung gestellt hat. Als wir die russische Grenze passierten, war er für kurze Zeit verschwunden, dann erschien er in neuer Litewka mit strahlendem Gesicht in unserem Salon und klatschte vor Freude wie ein Kind in die Hände: “ Wir sind auf russischem Boden! “ Seine Freude war sicherlich echt, und ich habe deshalb am nächsten Tag unauffällig herauszubringen versucht, wie oft ihm dieses Erlebnis beschieden wäre. Alle sechs bis acht Wochen etwa - und jedes Mal empfindet dieser Mann, der seiner ganzen Art nach mit den heutigen russischen Zuständen gewiß nicht einverstanden sein kann, das elementare Gefühl des Geborgenseins: er ist wieder in Rußland. Ich habe das mit großem Neid mitangesehen.
Die Beziehungen Deutschlands zu Rußland haben aber auch jetzt noch eine eminent praktische Bedeutung. Es mag sein, daß Bucharin und Sinowieff die frisch angeknüpften Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern inzwischen wieder zerrissen haben, es mag sein, daß unsere außenpolitische Lage sowohl wie die kommunistische Einstellung der Russen und ein Zusammengehen in großen politischen Fragen noch nicht gestattet, aber eines wäre wohl sicher möglich, daß wir das zu behaupten versuchen, was wir kulturell in Rußland vor dem Krieg an Boden gewonnen hatten und was wir heute noch besitzen. Ich kann da natürlich nur von meinem eigenen Wissensgebiet sprechen. Man kann ruhig sagen: die Medizin ist bis heute in Rußland deutsch. Bei den vielen Konsultationen, die ich in Moskau gehabt habe, habe ich keinen russischen Arzt gefunden, der nicht gut deutsch sprach, und keinen, der nicht unsere Lehrbücher ebensogut oder besser kannte, als es deutsche Ärzte zu tun pflegen. In Sanatorien und wissenschaftlichen Instituten, die ich gesehen habe, hängen heute noch Bilder von den großen Meistern der deutschen Medizin, wie sie übrigens während des ganzen Krieges dort gehangen haben.
In den Vorlesungen, die ich besucht habe, sprach man mir zu Ehren deutsch; Ich habe selbst welche deutsch gehalten, und ich habe den Eindruck gehabt, daß die meisten Hörer ausgezeichnet folgen konnten. Aber alle Russen klagten darüber, daß sie außerstande seien, deutsche Bücher zu kaufen. Es war die Zeit, in der der Dollar bei uns auf 20 000 Mark und in Rußland auf 100 Millionen Rubel stand, die Zeit, in der wir mit Recht Auslandszuschläge von den valuta-starken Ländern nahmen, und die Zeit, in der wir leider dieselben hohen Zuschläge auch von Ländern verlangten, deren Valuta sehr viel schlechter war als unsere. Aber damals schon warfen die Franzosen ihre Bücher unter dem Selbstkostenpreis auf den russischen Markt; damals schon betrieben sie mit ungeheuren Mitteln eine Kulturpropaganda, und damals wie immer sahen wir dem zu, als ginge uns das alles nichts an.
Herr Professor Foerster und ich haben dem russischen Botschafter über diese Verhältnisse - für ein kleines Buch von mir von 166 Druckseiten mußte ein ordentlicher Professor in Moskau mehr als ein ganzes Monatsgehalt zahlen - Vortrag gehalten. Er war außerordentlich interessiert für diese Frage und versprach, und mit dem Dezernenten der Abteilung Ost des Auswärtigen Amtes in Berlin zusammen einzuladen, damit wir mit ihm über diese Dinge sprechen könnten, Das ist geschehen; die Antwort aber war niederschmetternd: “ Das ist die
Angelegenheit des Ministeriums des Inneren, und ich kann darin nichts tun. “Ich kann nicht leugnen, daß mein Eindruck bei dieser Unterredung der gewesen ist, daß wir einen Vortragenden Rat im Auswärtigen Amt haben, der die Abteilung Ost behandelt, der sich aber um Kulturpropaganda überhaupt noch niemals Gedanken gemacht hat, und der wohl gar keine Ahnung hat, was es bedeuten wird, wenn die deutsche Bildung eines Tages ebenso vom Erdball weggefegt sei wird wie die deutsche Flotte und der deutsche Handel.
Ich selbst traue mir in allen diesen politischen Fragen ein Urteil nicht zu, ja ich folge auch darin Bismarck, daß ich den deutschen Professor grundsätzlich flur ungeeignet in politischen Dingen halte, weil er zu doktrinär und zu unpraktisch ist. Aber ich glaube doch, daß es keinem Deutschen etwas schaden könnte, wenn er von den seelischen Einstellungen anderer Völker, mit denen er zu tun hat, ein wenig mehr wüßte, als es heute der Fall ist. Da ich in Rußland vieles gelernt habe, was ich früher doch höchstens ahnte, so möchte ich bis zum Beweis des Gegenteils schließen, daß viele andere Deutsche vom russischem Wesen ebenso wenig wissen, als ich früher von ihm gewußt habe, und daß ihnen, ganz gleichgültig, wohin uns und wohin beide Völker die weitere politische Entwicklung fuhren wird, nicht schaden könnte, wenn sie die Russen erst einmal ein wenig besser kennen lernen sollten, aber schließlich bin ich auch davon überzeugt, daß wir von den Russen in ihrer tiefen Not unendlich vieles lernen könnten, was wir noch notwendiger brauchen als das tägliche Brot.
Ende